Zugegeben: Der Titel „Let’s rock education“ weckt schon eine gewisse Neugier darauf zu erfahren, was es denn sein soll, das „Schule heute lernen muss.“
Wie der Titel bereits erahnen lässt, so durchzieht das Buch von der ersten bis zur letzten Seite eine Flut von Anglizismen und themeninhärenten Sprachkonstruktionen („Supertools“, „Kids an den Devices“, „Rockstars der Uni“,...). Aber gut, das lässt sich teilweise nicht vermeiden, ist eine Stilfrage, kann man mögen oder auch nicht.
Worum es Daniel Jung in seiner Streitschrift offensichtlich geht: Der „New-Learning-Enterpreneur“ (S. 183) möchte aufzeigen, welch ungeheueres Potential in der Vermittlung (vorwiegend) mathematischer Lerninhalte über Erklärvideos liegt und dass es höchste Zeit sei, sich dem Informationstechnischen Wandel endlich anzupassen. Schließlich sei unser Bildungssystem „total veraltet“.
Diesem Anliegen ist grundsätzlich nichts entgegenzusetzen, doch in seinen größtenteils redundanten Ausführungen neigt der „Rockstar“ dann doch ein wenig dazu, über das Ziel hinauszuschießen.
Auf Seite 33 wird auf eine Erklärsequenz zum Thema Bruchrechnen hingewiesen:
„Addieren von zwei Brüchen, indem man die Nenner addiert und den Zähler so
beibehält“ – Das ist schlicht und einfach falsch! Bei dem Anspruch, den das Buch
stellt, möchte man solche grobe Fehler nicht lesen müssen – aber dies nur nebenbei.
Neben umfangreichen Querverweisen zur Situation in den USA und dem neuen Nimbus von „Education als riesiges Geschäft“ ertönen immer wieder die Lobeshymnen auf die „digitalen Räume der Jugend“, auf welche sich die Lehrkräfte einzulassen haben, um einer „gelingenden Pädagogik im 21. Jahrhundert“ Rechnung zu tragen. Dieser zufolge muss Lernen „Spaß“ machen, Lernorte sollen möglichst inspirierend sein „wie die Veranstaltungs-orte vieler Events“. Die Kids sind nun mal auf „Edutainment“ geprimt. Schule, Bildung und Lernen - ein riesiges „Rockkonzert“ ?
Der Trugschluss, dem Daniel Jung allerdings aufsitzt, ist die Tatsache, dass eine große Masse unserer Schülerinnen und Schüler aller Schularten nicht wie im „Club der toten Dichter“ voller Begeisterung nach den edutainenden Ergüssen der Lehrkraft lechzt, sondern vielmehr lustlos und pubertätsgebeutelt das Unterrichtsende herbeisehnt, um sich endlich wieder hinter die Konsole hängen zu können.
Begriffe wie z. B. „Leistung“ (bzw. Leistungsmotivation) oder etwa „Disziplin“ (bzw. Selbstdisziplin), „Anstrengung“ oder „Bemühung“ (bzw. Mühe) sucht man dementsprechend in dem Werk vergebens.
Was die Schulkritik betrifft, so neigt der Autor auch, sich bisweilen zu Lasten der Logik zu vergaloppieren: Ein „Zeitreisender“, der vor ca. 200 Jahren gelebt hätte und der uns in der Jetztzeit besuchen könnte, würde einen „Kulturschock“ erleben angesichts unserer modernen Errungenschaften: Auto, Flugzeuge, Computer, Smartphones, Väter, die kleine Babys auf dem Arm tragen, ein Angebot an den exotischsten Lebensmitteln, Ärztinnen, Lehrerinnen, Rechtsanwältinnen usw.
Würde er dann eine Schule betreten, würde er vermutlich erleichtert aufatmen. Endlich wieder in vertrauter Umgebung! „Es ist traurig, aber an der Schule hat sich seit 200 Jahren kaum etwas verändert...“ (S. 184).
Uns ist es also gelungen, in über 200 Jahren eine Lebensform mit all den o. g. zivilisatorischen Errungenschaften aufzubauen, aber „die Schule“ habe sich in dieser Zeit kaum verändert – Finde den Fehler!
Peinlich wird es auch auf S. 192, wo der Autor sich als „Hirnforscher“ wähnt („Seit knapp einem Jahr recherchiere ich intensiv ...“) und als Beispiel seinen zweijährigen Neffen heranzieht („Wahnsinn! Ich bin total begeistert!).
Dass die Größe der Holzzahlen von 1 bis 10 in der analogen Entsprechung des Zahlenwertes nichts, aber rein gar nichts mit den für den Aufbau einer tragfähigen Zahlvorstellung vorausgesetzten Zahlaspekten der Natürlichen Zahlen zu tun hat, scheint dem Verfasser ebenso entgangen zu sein wie die Stufen der kindlichen Denkentwicklung nach PIAGET.
Dementsprechend wird auch der Bildungsbegriff an sich, über dessen Sinn und Bedeutung ganze Bibliotheken gefüllt wurden, eher lapidar und in ähnlich „cooler“ Manier abgetan („Ist es wichtig, Latein zu lernen und Goethe zu kennen?“)
Die von mir sehnlichst erwartete Antwort auf die Frage, „Was Schule heute lernen muss“ wird schließlich auf der letzten Buchseite mit dem Hinweis auf die „Fähigkeiten, die wir für diese Zukunft >>als lebenslange Schule<< brauchen“ in Form einer „kombinatorischen Matheformel“ gegeben. Nämlich „Neugierde + Mut + Kreativität + Ausdauer“ als „Grundlage für das New Learning.“ Dies lernt ein Erstsemester der Allgemeinen Didaktik in der Anfangsvorlesung.
Fazit: Vieles von dem, was Daniel Jung in seiner Aufforderung „Let’s rock education“ postuliert, wird von einer zunehmenden Zahl an Lehrenden in den Schulen landauf landab bereits in breitgefächerter Form und größtenteils mit überaus hohem Engagement umgesetzt. Der Weg hin zur Digita...